
“Winterpause adé – Pokal olé.” (Diesen Schlachtruf stelle ich unter der Attribution-Noncommercial-2.0-CC-Lizenz zur freien Verfügung!)
Heute abend gegen 19 Uhr verabschiedet sich der Wintersport wieder in sein schneeweißes Hinterstübchen, wo er hingehört, und macht Platz für den Sport, bei dem 22 Mann einem Ball hinterher rennen und am Ende immer ein Schalker ausrastet.
Bundesligalose Zeit, besonders die Winterpause, ist speziell für die Rechteinhaber eine schwere Zeit. Unser aller Lieblingssender Premiere musste z.B. vier Wochen lang aus Mangel an alternativen Livesendungen die Arbeit einstellen. Gemerkt hat es zum Glück keiner, denn als der letzte Premiere-Mitarbeiter kurz vor Weihnachten das Licht ausgeschaltet hat, vergaß er, die Endlosschleife mit den Wiederholungsspielen der Hinrunde und den größten Champions-League-Highlights der 90er abzuschalten.
Aber werfen wir mal einen kurzen Blick auf die zehn Bundesligisten, die heute und morgen im Pokal-Achtelfinale auf dem Platz stehen. Wo stehen sie? Wo wollen sie hin? Wer kam in der Winterpause? Wer ging? Wer war ein Stinkstiefel und hat die Schlagzeilen bestimmt?
Hamburger SV – Kurz vor Rückrundenstart wurde Nigel de Jong gegen viel englisches Geld eingetauscht. Wie lange das Geld allerdings auf dem Konto des HSV bleibt, ist fraglich. Ohne de Jong fehlt dem HSV eine resolute Grätschmaschine vor der Viererkette. Apropos Viererkette: Dort stehen Martin Jol nur fünf gesunde gelernte Verteidiger (Reinhardt, Mathijsen, Demel, Boateng, Jansen) und der ursprünglich als Mittelfeldspieler eingekaufte Dennis Aogo zur Verfügung. Zieht Jol dann noch Marcell Jansen ins linke Mittelfeld, stellt sich die Hintermannschaft des HSV quasi von allein auf. Collin Benjamin und David “die Schwalbe” Jarolim übernehmen dann ebenfalls relativ alternativlos die Doppelsechs. Die Hamburger benötigen also in der Defensive noch mindestens einen neuen Mann (am besten vielleicht sogar einen Allrounder), um nicht mit zu dünnem Kader in den Frühling gehen zu müssen. Als Ergänzungsspieler wurde Marcel Ndjeng von Borussia Mönchengladbach ausgeliehen, der für die Außenbahnen in Frage kommt.
Um Ivica Olic muss sich der HSV-Fan dahingegen wohl keine Sorgen machen. Ich schätze den zukünftigen Teilzeitstürmer des FC Bayern so ein, dass er sich nicht hängenlassen wird und sich eindrucksvoll aus Hamburg verabschieden möchte.
Schalke 04 – Fred Rutten muss irgendetwas an sich haben, das Mirko Slomka nicht hatte. Anders ist es kaum zu erklären, dass Slomka trotz sportlicher Erfolge (Champions-League-Viertelfinale, Bundesliga-Platz 3) entlassen wurde, während Rutten trotz Ausscheidens aus dem UEFA-Cup und Ligaplatz 7 sicherer im Amt zu sein scheint als Papst Benedict XVI. Rutten kaufte vor der Saison Orlando Engelaar, einen einfüßigen Baumstamm, und Jefferson Farfan, einen guten, aber nicht überragenden Stürmer, für über 15 Millionen Euro ein. Sportlich geht es aber steil nach unten. Mit Engelaar, Ernst und Jones hat Schalke ein Dreigestirn im Kader, das gut und gerne auch in Schalkes Rugbyabteilung um Meisterschaften kämpfen könnte. Die Herren, wie auch Ivan Rakitic, sind aber nicht in der Lage, so etwas wie spielerische Konstanz bei Schalke zu etablieren. Besonders gut zeigt sich das an der Torschützenverteilung: die 24 Schalker Tore wurden von acht verschiedenen Spielern erzielt; vier Abwehrspieler und vier Stürmer. Nur fünf der 24 Tore wurden von einem Mittelfeldspieler vorbereitet (Rakitic 3, Engelaar 2). Da ist es kein großes Wunder, dass Schalke nur in sechs von 17 Hinrundenspielen mehr als ein Tor gelang.
Bleibt Schalke so mittelfeldschwach und verlieren sie auch in der Rückrunde durch eigene Dummheit (3x gelb-rot, 2x rot – 16. Platz in der Fairnesstabelle) weiterhin so viele Punkte, könnte der internationale Wettbewerb in der kommenden Saison ohne Königsblau stattfinden.
VfB Stuttgart – Markus Babbel ist ein Trainer ohne Trainerschein. Horst Heldt verlängert die Verträge mit Perspektivspielern. Mario Gomez schaut nicht aufs Geld, sondern darauf, dass es Spaß am Fußball hat. Timo Gebhardt kommt für etwa 3 Millionen Euro von 1860 München. Das waren die mehr oder weniger spannenden Themen, die der VfB in der Winterpause produziert hat. Sportlich stehen sie nach 17 Spielen auf Platz 10, haben aber dank der augeglichenen Liga nur zehn Punkte Rückstand auf die TSG Hoffenheim. Fraglich ist, wie lange der frische Babbel-Wind anhält, der der Mannschaft zum Ende der Hinrunde neues Leben eingehaucht hatte (3 Siege und 2 Remis in fünf Spielen unter dem neuen Trainer). Ob Stutgart die Saison im Niemandsland beendet, oder doch noch oben mitspielen kann, wird spätestens nach vier Spielen zu erkennen sein (Gladbach, Leverkusen, Hannover, Hoffenheim).
Bayern München – Lukas Podolski, der wohl beste trainingsresistente Spieler, den wir in Deutschland jemals hatten, folgt seinem Herzen (bzw. den Stimmen, die ihm das einreden) und geht zur neuen Saison zum 1.FC Köln zurück. Er wird dort in Personalunion Torschützenkönig, Oberbürgermeister und Oberhirte für das Erzbistum. Köln wird mit ihm gleich in der ersten Saison Meister, Pokalsieger und Champions-League-Gewinner, obwohl sie sich gar nicht dafür qualifizieren.
Landon Donovan haftet der Ruf an, der beste US-Amerikaner zu sein, der jemals ein Soccershirt getragen hat. Leider hat sich bei Donovan auch herausgestellt, dass er nur gut soccern kann, wenn er dabei auf US-amerikanischen (Kunst-) Rasen steht. Bei Bayer Leverkusen wissen sie ein paar schöne Folksongs darüber zu singen. Aber Jürgen “Jay Goeppingen” Klinsmann traut Donovan zu, die zuverlässige Verstärkung zu sein, die Podolski nie war.
Und überhaupt: Was kann die Bayern eigentlich auf dem Weg zum Titel stoppen? Hoffenheim ohne Ibisevic (aber mit Sanogo) und mit 17 hochmotivierten Gegnern, die es der Schauspielertruppe mal so richtig zeigen wollen? Hertha BSC, das froh wäre, die Saison auf Platz 5 zu beenden? Der HSV mit dem dünn besetzten Kader in der Defensive? Bayer Leverkusen? Ja, warum eigentlich nicht Bayer Leverkusen?
Bayer Leverkusen – Thomas Zdebel kam vom VfL Bochum. Mit ihm kann Bruno Labbadia im defensiven Mittelfeld variabler aufstellen. Zdebel ist der Spieler, der in der Bundesliga in den letzten Jahren wohl die meisten Fouls gespielt hat, also als klassischer Spielzerstörer bezeichnet werden kann. Bei den spielstarken, aber manchmal mit zu wenig Biss ausgestatteten Lverkusenern könnte seine Verpflichtung im Verlauf der Rückrunde durchaus helfen.
Hoffenheim musste seine Hinrunden-Heimspiele in Mannheim spielen, holte dort 23 von 27 möglichen Punkten und steht auf Platz 1 – Leverkusen trägt die Heimspiele der Rückrunde in Düsseldorf aus, weil die BayArena durch den Ausbau gesperrt ist. In der BayArena holte Leverkusen in neun Spielen nur 16 Punkte (bei fünf Siegen). Die “Heim”-Bilanz der Rückrunde wird also mit einen Ausschlag geben, ob Bayer mit den Bayern mithalten kann oder es am Ende “nur” um die Qualifikation zur Champions League geht.
Borussia Dortmund – Zwei Niederlagen nur in der Hinrunde. Aber auch acht Unentschieden. Das reicht für einen achtbaren 6. Platz, wird aber auch das höchste der Gefühle bleiben. Jürgen Klopp stellt seinen Kader unter anderem nach Laufstärke zusammen, womit Alexander Frei, Dortmunds bester Stürmer, so seine Probleme hat. Frei hat keine Perspektive mehr unter Klopp und Klimowicz ist schon weg. Mit Zidan und Valdez bleiben also noch zwei Stürmer, die in letzter Zeit nicht unbedingt als Knipser bekannt waren. Nicht von ungefähr ist Abwehrspieler Neven Subotic mit fünf Toren Dortmunds erfolgreichster Torschütze. Die Borussia kann den UI-Cup einen Platz im oberen Mittelfeld locker erreichen, mehr ist aber nicht drin.
Werder Bremen – Platz 8 nach der Hinrunde sollte den Bremern zu denken geben. Speziell vor dem Hintergrund, dass Werder eigentlich jede Saison die ersten Spiele der Rückrunde vergeigt und sich damit im Kampf um den Titel regelmäßig selbst ins Knie
schießt. Passiert ihnen das in dieser Saison wieder, wird Thomas Schaaf das Ende der Saison wohl nicht mehr auf der Trainerbank erleben. Reissen sie sich zusammen und schafft es Diego endlich mal wieder, nicht durch besoffenes Fahren und connorsches Befummeln aufzufallen, können sie es noch in den UEFA-Cup schaffen. Stuttgart und vor allem der VfL Wolfsburg, die in der Tabelle direkt hinter Werder stehen, haben aber genau das gleiche vor.
VfL Wolfsburg – Felix Magath muss sich in Wolfsburg wie in einem Fußball-Manager-Spiel fühlen, bei dem er sich vor dem Spielstart jede Menge Geld ercheatet hat. Seit seinem Amtsantritt hat er so viele Spieler geholt und verkauft, dass er die Spieler auch im Training mit den Spieltrikots trainieren lässt, weil er sonst nicht wüsste, wie die Leute alle heißen.
31 Spieler stehen aktuell im Kader des VfL. 22 davon haben in der Hinrunde auf dem Bundesligarasen gestanden. Trotz der vielen Spieler hat Felix Magath also seine Stammformation zusammen (10 Spieler mit 15 oder mehr Einsätzen, wobei Grafite nur elf Mal spielte, dabei aber elf Mal traf).
Die Ansprüche Magaths und des Wolfsburger Vorstands sind höher als der 9. Platz, den sie aktuell innehaben. Bei keinem Team ist aber auch so klar, warum sie die eigenen Ansprüche nicht erfüllen können: Wolfsburg ist neben Hoffenheim das heimstärkste Team (acht Spiele, 22 Punkte), aber auswärts so sieht es ganz duster aus (9 Spiele, vier Punkte, kein Sieg). Können sie die Auswärtsschwäche nicht abstellen, wird die aktuelle UEFA-Cup-Saison vorerst die einzige die vorerst letzte bleiben.
Energie Cottbus – Ich möchte kein Fan von Energie Cottbus sein. Acht Heimspiele, ein Sieg, schlechteste Heimmannschaft der Liga. Und trotzdem haben sie auf dem 16. Platz überwintert. Das liegt aber nicht an Energie selbst, sondern einzig und allein an den anderen Teams im Tabellenkeller, die mindestens genauso herumdilettieren. Es gibt Augenzeugenberichte, dass Cottbus in dieser Saison bereits Tore geschossen hat. Statistiken sagen es waren 12, wobei allein drei davon aus dem Spiel in Mönchengladbach sind.
In der Winterpause kamen, wie immer in Cottbus, eine Handvoll Spieler, die dabei helfen sollen, den 15. Platz zu erreichen. Das Wie ist dabei egal, aber ein guter Anfang sollte sein, wenn sie ab und zu mal ein paar Tore schießen.
Karlsruher SC – Der KSC hat letzte Woche beim DFB einen Antrag eingereicht, der es Aufsteigern erlaubt, nach der ersten erfolgreichen Bundesligasaison direkt in die dritte Saison zu gehen und “das verflixte zweite Jahr” einfach zu überspringen. Unterstützung erhalten sie von allen anderen Fahrstuhlmannschaften der Bundesliga.
Wer in neun Auswärtsspielen nur drei Punkte holt, die zweitwenigsten Tore der Liga schießt, die zweitmeisten Tore der Liga kassiert und damit die schlechteste Tordifferenz der Liga aufweist, darf sich nicht wundern, dass man nach der Hälfte der Saison nur zwei Punkte vor dem letzten Platz steht. Besonders weh tun dem KSC dabei die Niederlagen gegen die direkten Konkurrenten Mönchengladbach und Cottbus (jeweils 0:1). Das kann der überraschende Sieg gegen Werder Bremen und der noch überraschendere Punktgewinn gegen Leverkusen (3:3 nach 0:3) auch nicht wettmachen.
Mit dem Rückkehrer Giovanni Federico und dem ehemaligen Nationalspieler Marco Engelhardt will Edmund Becker das Team besonders in der Zentrale stärken. Federico soll die Stürmer einsetzen und selbst für Torgefahr sorgen, während Engelhardt vor der Abwehr aufräumen soll.
Zugute kommen könnte den Karlsruhern, dass sie die direkten Konkurrenten Cottbus, Mönchengladbach und Bochum in der Rückrunde zuhause empfangen. Schaffen sie es, ihre (im Vergleich zur Auswärtsstatistik) durchaus vorhandene Heimstärke (acht Spiele, drei Siege, ein Unentschieden) beizubehalten, haben sie gute Chancen, dem Fahrstuhl noch einmal zu entkommen.
[foto: jonsson]
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