Monthly Archive for August, 2009

Welten

Reden wir nicht von Robben. Reden wir nicht von Ribéry. Reden wir von dem FC Bayern, der gestern wirklich das Spiel gewonnen hat.

Ich war am Mittwoch live dabei, als ein verunsicherter FC Bayern München in der Alten Försterei mit 3:1 beim 1.FC Union Berlin gewann. Es war ein Spiel auf Augenhöhe, obwohl der Gegner eine Liga tiefer spielt und bei der Partie mit seiner zweiten Mannschaft antrat. Die Bayern machten gegen den 1.FC Union die Dinge falsch, die man als Fussballer eben falsch macht, wenn man nicht allzu überzeugt von sich ist und die meiste Zeit vergeblich hofft, einfach nur nichts falsch zu machen. Lethargisch, gedanklich langsam, die falschen Entscheidungen treffend.
Mit Ausnahme von Philipp Lahm und Ivica Olic, die sowohl ihren Platz im System verstanden, als auch die Form bereits gefunden haben, standen in Berlin insgesamt 17 Spieler des FC Bayern auf dem Feld, die weder physisch noch psychisch in der Lage schienen, ihre Zugehörigkeit zu einem der acht größten Clubs Europas rechtfertigen zu können.

Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft Mario Gomez nach einem Fehlpass oder einem verlorenen Zweikampf die arme resignierend in die Luft warf. Es war nicht mit anzusehen, wie Anatoli Tymoshschuk permanent einen Schritt zu spät in einen Zweikampf kam oder Alibipässe zurück auf die eigenen Innenverteidiger spielte. Grauenhaft war auch das fehlende Zusammenspiel in der Offensive, wo man eher einen Regenbogen über dem Stadion erwarten konnte als einen erfolgreichen Doppelpass. Ganz zu schweigen von einstudierten Spielzügen, wie zum Beispiel dem Kreuzen auf der Außenbahn, um in eine gute Flankenposition zu kommen oder gar einer Standardvariante.

Und so fielen die drei Tore auch nur, wie sie fallen konnten. Das 1:0 machte ein gedanklich schnellerer und giftigerer Olic gegen seinen Gegenspieler nach einer der wenigen Flanken, die nicht aus der Willy-Sagnol-Zone getreten wurde; das 2:0 erzielte Breno, weil ihm der Union-Torwart den Ball vor den Fuß legte und das 3:0 fiel durch einen direkt, aber sehr formvollendet, getretenen Freistoß von Braafheid.

Alles in allem gab es für die Bayern nur die Erkenntnis mit nach Hause zu nehmen, dass sie noch weit, weit weg von ihren eigenen Ansprüchen sind. Und dass sie noch gewinnen können.

Dann kam der Sonnabend nach München, brachte den Deutschen Meister VfL Wolfsburg mit und plötzlich standen in der Allianz-Arena elf Spieler des FC Bayern auf dem Platz, denen innerhalb von drei Tagen jemand* einen Arsch in die Hose gepackt haben muss.

Jörg Butt hielt einen fast unhaltbaren Ball, strahlte Ruhe aus und machte keinen Fehler. Das sind drei Eigenschaften, die seit über einem Jahr kein Bayern-Torwart in einem Spiel gleichzeitig auf sich vereinigen konnte.

Die Innenverteidiger, Daniel van Buyten und Holger Badstuber, standen ihren Gegenspielern in beinahe jeder Situation bereits bei der Ballannahme auf den Füßen und verhinderten so das Wolfsburger Konterspiel, weil der VfL durch das frühe Stören nicht schnell genug nachrücken konnte. Besonders Badstuber zeigte auch große Klasse beim Abgrätschen von Bällen – in ähnlichen Situationen war er in den Spielen zuvor meist einen Augenblick zu spät. Durch die Präsenz Tymoshschuks wurde den beiden auch der Spielaufbau weitestgehend aus der Hand genommen, was bei den Fähigkeiten der beiden, lange Bälle in die gegnerische Hälfte zu bolzen, nur Gutes heißen kann.

Die Außenverteidigung, Daniel Pranjic und Philipp Lahm, stand defensiv sicher und hatte systembedingt nach vorn nicht viele Aktionen, da bei einem 4-3-3 die Flügelläufe eher von den Außenstürmern bzw. den Mittelfeldspielern auf den Halbpositionen ausgehen.

Anatoli Tymoshschuk machte das erste wirklich gute Spiel seit seiner Verpflichtung. Er zerstörte den Spielaufbau Wolfsburgs durch gutes Stellungsspiel und geschickte defensive Zweikämpfe und war endlich auch ein Faktor im Offensivspiel, indem er die Bälle nicht nur quer und zurück, sondern auch sicher und platziert auf die Offensivspieler brachte. Großartig seine Grätsche gegen Dejagah, die den Konter zum 2:0 einleitete.

Bastian Schweinsteiger fühlt sich wohler, wenn er den Ball auf der Höhe der Mittellinie bekommt und das Spiel vor sich hat. Dann ist er nicht gezwungen, eins gegen eins zu gehen, sondern kann den Ball verteilen, so wie er es am besten kann. Und – man lese und staune – er brachte sogar gefährliche Eckbälle vors Tor, von denen einer mehr oder weniger das 1:0 einleitete.

Hamit Altintop war während des Spiels (es war für ihn bereits nach 45 Minuten zuende) ein paar Mal ziemlich sauer auf Tymoshschuk, weil der die Angriffe meist nach links über Schweinsteiger lenkte, als über Altintops Seite. Vor allem wird es daran gelegen haben, dass von der Achse Schweinsteiger – Olic einfach viel mehr Gefahr ausging, als von Altintop und Müller. Seine beste Szene hatte Altintop, als er kurz vor dem 1:0 das machte, was er am besten kann: den Ball 20 Meter vor dem Tor annehmen, dabei nicht gestört werden und den Ball brachial aufs Tor holzen. Benaglio konnte den Schuss bekanntlich nur nach vorn abwehren, wo Mario Gomez bereits den Torrero vorbereitete.

Thomas Müller spielte 90 Minuten durch. Das ist an und für sich schon bemerkenswert genug, besonders vor dem Hintergrund, dass Miroslav Klose in der gleichen Zeit ausschließlich auf der Reservebank gesessen hat. Die erste Halbzeit absolvierte Müller als rechter Flügelstürmer, wo er nur wenige Bälle bekam, sich aber in einer Szene großartig gegen Marcel Schäfer an der Grundlinie durchsetzen konnte. Nach der Pause wurde er zum halbrechten Mittelfeldspieler und hatte damit einen Logenplatz, als Arjen Robben seine Show begann. Die Partie gegen Wolfsburg wird wohl vorerst das letzte Spiel von Beginn an für Müller gewesen sein – an mangelndem Einsatz liegt das aber nicht.

Mario Gomez macht seine Tore. Und das, obwohl er nicht einmal allzu gut drauf ist zurzeit. Als Anspielstation mit dem Rücken zum Tor verliert er zu oft den Ball – entweder im Zweikampf oder durch Fehlpässe. Er lässt teilweise Chancen aus, bei denen Trainer verzweifeln können. Dann aber steht er plötzlich goldrichtig, hält den Fuß zum 1:0 hin und legt damit den Grundstein zum Sieg. Und nun stelle man sich mal vor er wäre bereits in der Form aus dem Frühling. Beängstigend.

Ivica Olic ist ein unglaublich unangenehmer Gegenspieler. Ich kenne außer ihm keinen Fussballer, der wirklich jedem Ball hinterher rennt, egal wie groß die Chancen sind, ihn zu bekommen. Olic erläuft selbst die unplatziertesten Pässe, setzt Abwehrspieler und Torhüter beim Spielaufbau meist sogar erfolgreich, also mit Ballgewinn, unter Druck, kann sich im Eins gegen Eins durchsetzen, kriegt ab und zu gute Flanken zustande und hat dazu auch noch einen passablen Torriecher. Es wäre eine Schande, dass Ivica Olic wahrscheinlich auf die Bank muss, wenn Franck Ribéry wieder von Anfang an spielen kann. Andererseits, und ich fürchte, dass das seine Bestimmung sein wird, ist Ivica Olic genau der Spielertyp, der sich als Einwechselspieler in einem engen Spiel für 30 bis 45 Minuten die Lunge rausrennt und damit ein Spiel rumreißen kann.

Ach ja, Arjen Robben hat gegen den VfL Wolfsburg auch mitgespielt. Er wurde zur zweiten Halbzeit eingewechselt. Franck Ribéry kam in der 63. Minute aufs Feld. Aber die beiden machten nur das, was sie sowieso immer tun. Das ist nicht der Rede wert.

* Insider vermuten, dass ein gewisser Louis van Gaal in den Tagen zwischen den Spielen ein paar gepflegte Einläufe verteilt und die Spieler so zum Fussballspielen gebracht hat.

Werbung

links for 2009-08-29

Robbery ©

robbery

fotos: wikimedia, wikimedia

California Games

caga

Schönes Fußballwochenende!

Fünf gewinnt: Die vierte Runde

fue4Schon wieder ein Alleinstellungsmerkmal: Es gibt keine Frage zu Bayern München. Warum auch. Dafür wird im Vorspann gejammert, die Siegerfrage ist mal wieder einer Siegerfrage vollkommen würdig, und wir haben Sandhausen in da house. Und wer hat das sonst noch? Die vierte Runde Fünf gewinnt steht an, und wir würden uns furchtbar freuen, wenn ihr alle mittätet. Lust bekommen? Tja, dann mal hier entlang.

Fußball in der Zeitung mal vier – Ein Lesevormittag

Ich habe heute Morgen vier Zeitungen gekauft. In der Printversion. Also eigentlich nur drei, denn eine habe ich abonniert. Als da also wären: Ein Fachmagazin, ein Boulevardblatt, eine Regionalzeitung, eine Überregionale. Ich war heute Morgen der feuchte Traum der Verlagsbranche. Ich habe mit einem Schlag fünf Euro für gedruckte Nachrichten ausgegeben.

Und dann habe ich die Zeitungen gelesen.

In der Überregionalen bin ich auf dem Weg zum Fußball bei einem Interview mit einem Psychiater über das Burn-out-Risiko im Job hängengeblieben. Die meisten Hilfesuchenden seien Mitte, Ende 40 und viele davon Führungskräfte – Entwarnung also. Ich habe einen Albino-Buckelwal gesehen, also vielmehr seinen Rücken, ein weißer Strich in blauem Meer. Ich habe eine Rezension des Films “It might get loud” gelesen und mal wieder – wahrscheinlich vergeblich – gehofft, ‘hoffentlich spielen sie es auch hier bei uns’.

Doch dann der Sport. Der Aufmacher über die Transferpolitik von Hertha BSC ist eine gute Zusammenfassung mit einem tollen Vergleich aus der Welt des Malerhandwerks als Einstieg. Schade, dass das Thema des Kommentars – die schleichende Einführung des Torrichters in der Euroliga – eben nur bissig kommentiert, aber nicht zur Diskussion freigegeben wird: Es ist ein Nur-Print-Text. Diese Regel-Merkwürdigkeit schreit geradezu nach “spread the news!” und “Was halten Sie davon?”.

Soll heißen: Hätte ich bloggen wollen, hätte ich darüber gebloggt.

Den Co-Aufmacher kenne ich aus dem Netz, es ist eine 1:1-Adaption: Gleiche Überschrift, gleicher Vorspann, gleiches Bild, gleiche Bildunterschrift (nur das “von weitem” ist im Druck ein “von Weitem”). Online ist natürlich angereichert worden: Mit einer Anzeige, einer thematisch komplett unpassenden Klickstrecke (Was haben Eigentorjäger mit Red Bull Salzburg zu tun?), ein “Mehr zum Thema”-Kasten (wenn das Thema hier “Fußball” lautet, dann haut das auch hin, sonst nicht) und null Textlinks.

spze2Dann zum Fachmagazin. Der erste Text bestätigt das Klischee kein Text über Schalke ohne BVB-Erwähnung. “Zwei Redakteure diskutieren kontrovers” heißt es darunter, und es darf geschmunzelt werden: Die kontroverse Diskussion erstreckt sich über 15 Druckzeilen. Und der Leser darf nirgendwo mitmachen. Dabei hat doch dazu jeder eine Meinung: Sollte es schon jetzt eine feste Nummer 1 in der deutschen Nationalmannschaft geben?

Ich finde ja: Nein.

Die Aufmachergeschichte über die Schalke-Millionen ist ebenfalls Nur-Print und als feines Stück Bundesligawirtschaftsgeschichte durchaus ein Grund, das Ding zu kaufen – wenn man denn die folgenden 45 Seiten mit angeborener Sprachstaubigkeit und humorlosem Seitenaufbau ohne Schnaps verdauen kann. Obwohl: “Frisches aus Finnland”, eine Kurzkolumne über Journalisten und Bier bei der Frauen-EM, es wird, es wird.

Die Regionalzeitung lockt mit dem Skandal-Aufmacher “Kohlekraftwerk gefährdet Heringe”, und da fällt es schon ganz schwer, ins Sport-Buch zu schwenken, das farblose Halbseitenbild auf der eigentlich bunten “Aus aller Welt”-Seite erleichtert schließlich den Übergang.

Es gibt Rudern, Reiten, Hockey, Radsport, Skilanglauf, Judo und eine verunglückte Überschrift auf der Sportseite 1 – alles außer Fußball. Etwa 60 Prozent auf der Seite ist kein Agenturmaterial. Auf der zweiten Seite reichert man den Hansa-Fan-Disput-Aufmacher mit Eigenmaterial an, ansonsten regieren sid und dpa. Die dritte Seite dominiert ein halbseitiger Aufmacher zum regionalen Handball (wird online auf der Startseite angeteasert und ist – wie alles – frei zu lesen), auch der komplette Seitenkeller sind eigene Texte.

Abschließend der Boulevard. Er enthüllt, dass das Spiegel-Titelfoto von dieser Woche (“Der Krieg der Deutschen”) nachträglich koloriert wurde, doch “davon steht im Blatt kein Wort”. Skandal! Zum Hansa-Fan-Disput darf sich “Klub-Boss” Dirk Grabow mit zwei Sätzen wehren, die Vorwürfe packt man in einen Nebensatz. Natürlich: Ohne Kuscherei keinen exklusiven Aufmacher (“Rydlewicz: Kein Geld für Neue da”). Obwohl: Ich bin mir nicht sicher, ob es nicht gestern schon ein Thema gewesen ist. Und dann, nach drei Minuten: Habe ich keine Lust mehr, die Texte zwischen den ganzen Bildern zu suchen.

Fazit: Ein schöner Lesevormittag. Ich möchte auf das Prinzip andere Menschen stellen mir ein Text- und Bildangebot zusammen niemals verzichten. Online treibt mich zu Print genau so wie Print zu online – wenn es denn einen Anreiz gibt. Es gibt Text-Formate, die gedruckt verschenkt sind. Es gibt Texte von Format, die online verschenkt sind, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe vier von fünf Euro für mich gewinnbringend investiert, einen muss ich abschreiben. Ich würde auch online Geld investieren – wenn es für mich gewinnbringend ist.

Am Bildschirm hätte ich anderes und anders gelesen und ab und an selbst etwas geschrieben. Mit den Zeitungen habe ich Augenruhe und jede Menge Altpapier. Ich habe beim Lesen gelacht und mich geärgert, meine Reaktionen auf das Geschriebene verhallten in der Mecklenburger Tiefebene.

So. Und jetzt erst mal in den Feeds nachsehen, was es Neues gibt.

links for 2009-08-26

links for 2009-08-25