Es soll sie wirklich geben – Menschen, die mit Fußball kaum etwas oder gar nichts am Hut haben. Menschen, die am Samstag Abend nichts besseres zu tun haben, als nicht die Sportschau zu gucken. Menschen, bei denen der Begriff “Doppelsechs” keine taktischen, sondern sexuelle Assoziationen hervorruft.
Du Gehst Niemals Allein hat sich auf die Suche gemacht, einige Exemplare dieser in Deutschland seltenen Gattung ausfindig gemacht und zu einem Gespräch gebeten.
Unser achter Interviewgast: Stefan Niggemeier
Der diplomierte Medienjournalist ist einer der wenigen Blogger mit eigenem Wikipedia-Eintrag. Er hat das Bildblog in Teilen, Schafscontent fast zur Gänze und unabhängige Medienkritik eigentlich gar nicht erfunden, dafür aber mit viel Geduld und Spucke im Netz hoffähig gemacht. Warum er für Osnabrück ist und an welchen Fußball-TV-Moment er sich noch heute erinnert, hat er uns in einem kleinen Gespräch verraten
Du gehst niemals allein:
Hallo Herr Niggemeier, vielen Dank, dass Sie sich für ein paar Fragen zur Verfügung stellen. Fußball kommt in Ihrem Blog immer nur als Nachrichtenmasse vor, mit dem irgendwelche Medien wieder mal irgendeinen Unfug angestellt haben: Meisterjournalismus, Europameister im Live-Tickern, WM-Fernsehen. Können Sie überhaupt noch Fußball sehen, ohne an Fußballmedien zu denken?
Stefan Niggemeier:
Nein, aber das konnte ich noch nie. Ich interessiere mich nicht für Fußball. Das emotionalste Verhältnis habe ich, fürchte ich, nicht zu dem Sport, sondern den Statistiken, die er produziert. Als Kind habe ich gerne vor den Tabellen gesessen und ausgerechnet, welchen Platz ein Verein noch je nach Spielergebnissen erreichen kann – traurig, oder? Ich kenne die meisten Spieler nicht und habe auch immer die falschen Gründe, für oder gegen eine Mannschaft zu sein. Ich bin regelmäßig während großer Turniere schon aus Trotz dafür, dass die Deutschen verlieren. Irgendwie bin ich aus einem halbherzigen alten Lokalpatriotismus kombiniert mit Mitleid für den VfL Osnabrück – natürlich auch wegen der originellen Vereinsfarben lila/weiß. Aber, ehrlich gesagt, selbst wenn ich größeres Interesse am Sport selbst hätte, kann ich mir nicht vorstellen, eine Fußball-Moderation von Reinhold Beckmann oder Johannes B. Kerner zu sehen und an den Sport zu denken und nicht an die Schrecklichkeit dieser Moderatoren.
DGNA
Was wären die wichtigsten Punkte, die angehende Fußballjournalisten besser machen sollten als ihre Vorgänger?
Stefan Niggemeier:
“Fußballjournalisten” ist schon ein komisches Wort… Aber ich glaube, das entscheidende ist ein ebenso schlichter und scheinbar selbstverständlicher wie in der Praxis schwieriger Grundsatz: Sie müssen als Journalist und nicht als Fan berichten.
DGNA
Haben Sie auch nichtmediale Assoziationen mit dem Sport? Selbst gespielt? Mal Schiedsrichter gewesen? Mal im Stadion als Fan total durchgedreht?
Stefan Niggemeier:
Traumatische Kindheitserlebnisse! Als letzter in die Mannschaft gewählt zu werden. Im Tor stehen zu müssen, weil man unfähig ist, Bälle anzunehmen, und deshalb für jeden Gegentreffer verantwortlich sein. Sowas. Ich durfte einmal, als junger Mitarbeiter der “Neuen Osnabrücker Zeitung”, bei einem wichtigen Spiel unten direkt am Spielfeld stehen, um die Filme der Fotografen noch vor der Halbzeitpause in ein Labor zu bringen, damit die Fotos es rechtzeitig in die Zeitung schafften. Das war aufregend, und ich kam mir sehr wichtig vor. Ich hatte aber die ganze Zeit das Gefühl, wieviele Fans werweißwas dafür geben würden, dort zu stehen, wo ich stehen durfte – und wie unverdient es war, dass ich es war.
DGNA
Welches war der größte Fußballmoment Ihrer Fernseh-Geschichte?
Stefan Niggemeier:
Mir fällt ein negativer ein: Die Katastrophe von Heysel. Ich war 15 damals und kann mich erinnern, wie sehr mich der Kommentar von Eberhard Figgemeier bewegt hat – und dass das ZDF sich aus der Übertragung ausgeblendet hat, was mir als Symbol die Tragweite dessen, was da passiert war, erst richtig deutlich gemacht hat.
DGNA
Warum dominieren eigentlich Fußballspiele regelmäßig die Top-Ten der
quotenträchtigsten TV-Sendungen?
Stefan Niggemeier:
Ganz ehrlich: Ich kann es Ihnen nicht sagen. Aber ich weiß auch nicht, warum sich regelmäßig zehn Millionen Menschen “Wetten, dass?” ansehen. Womöglich haben beide Formen ritualisierter Langeweile eine Anziehungskraft, die sich mir nicht erschließt.
DGNA
Wer wird Deutscher Meister 2009/10?
Stefan Niggemeier:
Das ist leicht: VfL Bochum.
DGNA
Vielen Dank für das Gespräch.
———
Damit endet unsere kleine Interviewserie “Im Abseits”. Danke nochmals an alle Beteiligten, wir erwägen, die Gesprächsreihe im nächsten Jahr zu wiederholen, die Interviewpartner dann aber an irgendwelchen Binnenseen zu treffen und am Ende groß “Sommerinterview” drüberzupappen. Und weil nichts so alt ist wie das Blogposting von gestern, hier noch mal alle acht “Interviews mit einem Nicht-Fan” auf einen Blick:
Im Abseits #7 mit Merlix:
“Ich nehme an, man kann bei den Spielen lesen, da ist mir egal, was auf dem Rasen passiert.”
Im Abseits #6 mit Madame Modeste:
“Wer gespielt und wer gewonnen hat, habe ich vergessen.”
Im Abseits #5 mit Robert Basic:
“Fußball ist wohl mit die friedlichste Art, Menschen Glücksmomente zu bescheren.”
Im Abseits #4 mit HappySchnitzel-Sue:
“Meine Beziehung zu Luca Toni ist eine feucht-fröhliche.”
Im Abseits #3 mit Johnny Häusler:
“Ich bin West-Berliner, also etwas bestraft, was Bundesliga-Historie angeht.”
Im Abseits #2 mit Anke Gröner:
“Ich empfinde ein Fußballspiel live irgendwie als unfertig, obwohl das natürlich völliger Blödsinn ist.”
Im Abseits #1 mit Don Alphonso:
“Nichts gegen einen Sport der Arbeiter, aber zum Teufel mit dem Anlass für Besoffene, die Stadt vollzukotzen.”
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Herr Niggemeier zeigt, dass er von Fussball gar keine Ahnung hat. Sonst wüsste er nämlich, dass nicht der VfL Bochum Deutscher Fussballmeister wird, sondern Borussia Mönchengladbach.
(Nur über das Jahr müsste man noch einmal reden…)
Keine Ahnung, der Mann??? Das ist das Schönste, was ich seit langem gelesen habe (Tränen in den Augen)!
DGNA
Wer wird Deutscher Meister 2009/10?
Stefan Niggemeier:
Das ist leicht: VfL Bochum.