Ein Haufen Nachdenklichkeit

Beeindruckende Medien-Kampagne zum neuen Deisler-Buch. Und zum Kotzen verlogen. Jetzt hat er wieder seine gehasste Öffentlichkeit!

Diese drei Zwitschersätze nebst gemäßigterem Artikel von Deislers Fußballbuchautorenkollege Ben Redelings haben mich heute bewogen, dann doch die neue Zeit zu kaufen, um darin die vier Seiten Deisler-Dossier zu lesen. Das immer wieder durch Einschübe der Autoren Henning Sußebach und Stefan Willeke durchbrochene Gespräch erlaubt es dem Leser, sich der Causa Deisler zumindest soweit zu nähern, dass er schließlich weniger zu 140-Zeichen-Urteilen neigt, als eher mit dem Fazit des Textes konform zu gehen:

Was ist die Lehre dieses Tages? Dass das Fußballgeschäft hart ist, sehr hart. Dass es Helden für eine Show braucht. Dass die Show wichtiger ist als der Fußball.
Er [Deisler] hat Dinge gesagt, die jeder weiß, über deren Folgen aber niemand nachdenkt. Er hat der Welt keine neue Erkenntnis zu bieten, aber einen Haufen Nachdenklichkeit. Was könnte von ihm bleiben, wenn er gleich aufbricht, um sich mit einem Buch endgültig aus dem Spiel zu nehmen? Von Sebastian Deisler, 29 Jahre alt, ledig, einem Fußballer ohne Trikot, einem Mann ohne Frau, einem Jahrhunderttaltent im falschen Jahrhundert, einem Spielmacher abseits des Spielfeldes, einer Medienfigur, die die Medien fürchtet.

Deisler sagt, dass er die Öffentlichkeit nicht scheut, sondern meidet. Er beschreibt den Rummel um ihn während seiner Zeit als Profifußballer, als die Medien auf ihn zugingen und nicht – wie heute – andersherum. Er hat laut eigener Aussage einen großen Teil des Weges zur Überwindung seiner Depression absolviert, das Buch sei eben auch Teil der Therapie.

Es ist so viel über mich geschrieben woden, da musste ich auch mal was sagen. Aber ich kehre damit nicht in die Öffentlichkeit zurück. Es ist mein Abschlussbericht.

Ja, das ist ein wenig pathetisch. Ja, Sebastian Deisler wird Geld mit dem Buch verdienen. Ja, er lässt für das Buch werben, wobei ich die Kampagne nicht sonderlich beeindruckend finde; die Nachrichtenagenturen stürzten sich auf das Zeit-Interview, den Aussagen zu Hertha und Hoeneß sowie Deislers Absicht, vielleicht eine Fußballschule zu gründen. Ein einziger sid-Text geht auch auf das Buch ein.

Deisler schreibt ein Buch, gibt einer Wochenzeitung ein großes Interview, geht noch zu Stern TV. Jede Giulia-Siegel-Dokusuppe wird da mehr forciert. Er hat damals seine Depression öffentlich gemacht, ist an einem grauen Januar-Dienstag bei einer unangekündigten Pressekonferenz zurückgetreten, hat sich zweieinhalb Jahre zurückgezogen.

Ich muss nicht alles glauben, was er sagt oder schreiben lässt – aber verlogene Mediengeilheit fühlt sich für mich anders an. Es gibt sehr viel effektivere Möglichkeiten, eine Buchveröffentlichung aufmerksamkeitsheischend zu begleiten. Doch nur, weil jemand eine Depression bekämpft hat, muss er nicht aufs Bücher schreiben und verkaufen verzichten.

Es gab Phasen, da habe ich mich gefühlt wie 60. Jetzt bin ich bei 40. Ich lebe in den Tag hinein. Ich besuche meinen Vater, meine Mutter, gucke, was so los ist. Ich will nicht mehr jammern. Ich will einfach niemandem mehr gehören.

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3 Responses to “Ein Haufen Nachdenklichkeit”


  1. 1 Scudetto-Ben

    “…das Buch sei eben auch Teil der Therapie.”
    Nehme es mir nicht übel, aber das ist genau der Satz, den ich erwartet habe. Aber genug der Worte zu dem Thema. Es muss jeder selbst für sich entscheiden, was er von diesem Fall hält und wie er die unterschiedlichen Gesichtspunkte gewichtet. Ich finde die Art und Weise, wie er wieder in die Öffentlichkeit tritt (und er weiß, was nicht nur in den nächsten Tagen mit ihm passieren wird) eben bedenkenswert. Aber es ist sein Leben – und gut ist! ;-)

  2. 2 Kees Jaratz

    @Scudetto-Ben

    Bedenkenswert! Da gebe ich dir recht, und womöglich ist dein Twitter-Eintrag auch nur der ersten Begegnung mit dem Verlagsprogramm geschuldet. Denn lese ich das Interview in der ZEIT, sehe ich die Einschätzung von nolookpass ebenfalls bestätigt. Verlogen, kommt mir also als Urteil nicht in den Sinn. Ich befürchte vielmehr, er tappt in dieselbe Falle noch einmal. Ich spüre bei ihm so ein mächtiges Gefühl, seinerzeit ungerecht behandelt worden zu sein. Und in dem Zusammenhang stimmt der Satz vom Buch als Therapie. Er will, dass die Öffentlichkeit endlich seine Version der Geschichte kennt. Allerdings wirkt er auf mich keineswegs so gefestigt, dass er das offensiv vertreten kann. Daher, so scheint mir, rührt auch dieses zwiespältige Gefühl bei dir. Deshalb ist sein Vorgehen tatsächlich bedenkenswert und in deinem Blog-Beitrag wirkt es ja auch so, als ginge es dir mehr darum, um die Wirkung des öffentlichen Rummels um das Buch auf Sebastian Deistler.

  3. 3 affrodite11

    Der Gesamteindruck von Sebastian Deisler bei Günther Jauch stimmt mit dem Titel des Buches keinesfalls überein. Er machte auf mich den Eindruck, daß er noch einen langen Weg bis zu seiner Genesung vor sich hat. In Interviews bestätigt er dies aber auch. Seine Zukunft steht in den Sternen, aber ich empfinde es als sehr traurig, daß solch ein begabter Mensch mit 29 Jahren seinen Traum nicht leben konnte – nämlich Fussball auf höchstem Niveau spielen zu können, nur weil er nicht hart genug für das Geschäft ist. Zuerst wird er von allen als der große Retter für den deutschen Fussball gefeiert und dann genauso schnell wieder fallengelassen und ein sensibler Mensch – wie jeder andere vermutlich aber auch – kann damit nicht gut umgehen. Er war unglücklich und hatte kein Netz, daß ihn aufgefangen hat. Seine Rettung war die Depression, besser als Selbstmord oder andere Krankheiten. Jetzt hat er die Möglichkeit, für sich herauszufinden, was er aus seinem Leben machen möchte. Ich wünsche ihm viel Erfolg dabei.

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