Die deutsche Nationalmannschaft spielt am Sonnabend in der WM-Qualifikation gegen Russland auf Kunstrasen. Das ist für viele, viele Journalisten eine Riesengeschichte. Für mich nicht.
In den zwanzig Jahren, die ich mehr oder weniger aktiver Fußballer bin, habe ich grob geschätzt 400 Punkt-, Pokal- und Freundschaftsspiele bestritten. Ich kann mich an genau vier Spiele erinnern, die dabei auf Rasen stattgefunden haben. Ziehe ich noch die DDR- und Post-DDR-Jahre ab, bevor die Schotterplätze in Ostberlin renoviert wurden, habe ich in meiner “Karriere” also in etwa 300 Fußballspiele auf Kunstrasen bestritten.
Fußball auf Rasen ist natürlicher als Fußball auf Kunstrasen. Keine Frage. Und wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich auch lieber alle paar Wochen mal auf Rasen spielen.
Aber Fußball auf Kunstrasen ist nicht schwieriger, gefährlicher, anstrengender oder gar wettbewerbsverzerrender als auf seinem echten Äquivalent. Ganz im Gegenteil. Kunstrasen hat gegenüber Rasen einige große Vorteile.
Der größte: Der Platz ist eben.
Weder der Ball, noch die Füße oder Gelenke können sich dort in Furchen verhaken und seltsame Richtungsänderungen vornehmen. Es gibt keine Ausreden, wenn man den Ball nicht richtig angenommen oder einen Meter von dem Tor einen Gomez fabriziert hat, weil es keine Platzfehler gibt. Durch den festeren Untergrund verliert der Ball beim Aufkommen nicht so viel Energie, jedoch sollte jeder Fußballspieler mit einem IQ über 80 in der Lage sein, die Umstellung nach wenigen Minuten verinnerlicht zu haben.
Die Aussage: “Der Ball springt anders” sollte also besser als Argument für den Kunstrasen – und nicht gegen ihn – verwendet werden.
Es wird weniger gegrätscht.
Weil weggebrannte Ober- und Unterschenkelhaut* einfach nicht gut aussieht, verzichtet man lieber auf die Blutgrätsche und versucht, genau wie es Herr Löw gern sieht und wie es Per Mertesacker am besten kann, den Ball ohne Foulspiel zu erobern. Dieses Argument sollte also besser nicht als Ausrede herhalten.
(* Kunstrasen der neuesten Generation ist übrigens so geschaffen, dass Verbrennungen so gut wie gar nicht mehr vorkommen, weil die Kunst-Halme den echten Rasenhalmen immer ähnlicher werden.)
Man ermüdet nicht so schnell.
Auf Rasen, unter dem sich ja bekanntlich Erde befindet, sinkt man in der Regel mit dem Schuh weiter in der Boden ein, was mit größeren Anstrengungen beim Laufen gleichzusetzen ist. Ist der Boden nass, vergrüßert sich dieser Effekt noch einmal.
Ergo: Die muskuläre und körperliche Belastung auf Kunstrasen ist eine andere, aber eine nach meiner Erfahrung geringere als auf Rasen.
Technisch versierte Spieler haben Vorteile.
Ich weiß ja nicht, wie es Euch geht, aber ich gucke lieber Fußballspielern bei der Ausübung ihrer Arbeit zu, wenn sie in der Lage sind, durch gute Ballbehandlung, schnelle Tempo- und Richtungswechsel und gutes Eins-gegen-Eins-Spiel zum Erfolg zu kommen. Und solche Dinge sind auf Kunstrasen besser möglich. Sollen Özil, Schweinsteiger, Trochowski und Kollegen mal zeigen, was sie draufhaben.
Und noch was: Die fünf besten russischen Spieler (u.a. Arshawin, Pogrebnjak, Shirkov und Pawljutschenko) spielen alle im Ausland und haben sich genauso an den Kunstrasenplatz zu gewöhnen.
Reden wir also bitte nicht weiter über Kunstrasen. Besonders dann nicht, wenn es darum geht, eine mögliche Niederlage zu erklären. Das wäre lächerlich.

[Zur Original-Grafik ( hiermit erstellt von Nolookpass)]
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Was bin ich froh, dass ich in der südwestdeutschen Provinz aufgewachsen bin, wo jeder Dorfverein zwei Rasenplätze hat.
Danke für die Informationen.
Ich kann das Wort schon fast nicht mehr hören.
Kann man irgendwo eine Wette abschließen, wie oft das Wort Kunstrasen im Spiel vom Reporter genannt wird?
Ich glaube, ich bemitleidete Dich schon mal vor langer Zeit für den Untergrund, auf dem Du spielen musst(est).
Hier aber wollte ich etwas anderes anmerken: Wieso sollten sich die Russen, die jetzt mal 2-3 Jahre woanders spielen, an etwas neu gewöhnen müssen, was sie von klein auf kennen (wenn ich das richtig verstanden habe)?
@Trainer Baade: Ich habe jetzt keinerlei Fakten parat, aber ich glaube nicht, dass Kunstrasen in Russland schon so lange auf Profiniveau verbreitet ist. Ich kann mich noch an Bilder aus der russichen Liga vor gar nicht allzu langer Zeit erinnern, wo sie im Winter auf einem regelrechten Schlammacker gespielt haben.
Eventuell haben sie aber auf den Trainingsgeländen öfter Kunstrasen als in Deutschland.
Ich bin aber wie gesagt kein Experte.