Unterschiede der Spielweise auf Schotter und Gras am Beispiel eines Gelegenheitsfußballers

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Alles, was es braucht, ist ein handelsübliches Schlüsselerlebnis. Unser Gelegenheitsfußballer hatte seines im Alter von acht Jahren. Im blauen Dress der hiesigen Polytechnischen Oberschule überquerte ein Dutzend hibbeliger Zweitklässler die Straße, dahinter lag gleich der Sportplatz.

Roter Schotter.

Bei einem der stets überehrgeizig geführten Laufstaffelspiele muss es dann passiert sein. Er fiel. Er fiel so, wie er noch nie gefallen war. Was unter anderem auch bedeutete, dass er keinen Schimmer hatte, wie er sich abfangen sollte. Mit den Händen? Das scheuert doch und tut ergo scheiße weh. Dass die Alternativen im Prinzip gar keine solchen waren, erkannte er erst, als es zu spät war.

Er war in vollem Lauf ins Stolpern geraten, hatte keine Ahnung, wie er sich abzufangen hatte, und bremste also mit dem ganzen Körper. Es war Sommer, Hosen und Ärmel dementsprechend kurz. Die Eltern des Gelegenheitsfußballers hätten garantiert an Auswanderung gedacht, hätte die Möglichkeit politiktheoretisch bestanden – so krass nach Ghetto-Hardcore-Raubüberfall sah der Bengel aus.

Ich möchte nun den Kreis zur Überschrift schließen.

Des Gelegenheitsfußballers Schlüsselerlebnis – und hier ähnelt es durchaus dem atomaren Vorfall in der amerikanischen Wüste in einschlägigen Comicklassikern – hatte zur Folge, dass er die wundersame Fähigkeit gewann, auf Schotterbelag Spielentwicklungen frühzeitig zu antizipieren, die für ihn gravitationsbedingte Konfrontationen mit seiner Urangst bedeuten könnten. Er gewöhnte sich eine sehr vorausschauende und taktisch kluge Spielweise an, er war der Liebling der Klemmbrettstrategen, ein menschgewordener feuchter Rangnick-Traum.

Kurz: Auf Schotter ging er echten Zweikämpfen fast schon notorisch aus dem Weg.

Und da der Wechsel auf Rasen erst sehr spät stattfand, konnte er sich seine Art Fußball zu spielen nicht mehr abgewöhnen. Er hatte nie gelernt, Fußball zu kämpfen; stattdessen musste er erkennen, dass er auf Gras mit seiner luschigen Spielweise keinen Blumentopf mehr gewann. Innerlich verdammte er den Schulsportplatzschotter, äußerlich kündigte er dem Fußball, sah das Dream Team und wurde ein veritabler Point Guard.

Doch neulich hat er schließlich bei einem Feierabendkick – auf Gras – die erste echte Blutschweißundtränengrätsche seines Lebens zelebriert. Und also endlich seinen Fußballfrieden gefunden.

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6 Responses to “Unterschiede der Spielweise auf Schotter und Gras am Beispiel eines Gelegenheitsfußballers”


  1. 1 TipToe

    Ich hab ein bisschen Wasser im Auge. Und ich wurde mit misstrauischen Blicken beworfen, als ich mich direkt nach dem Lesen kurz vom Schreibtisch erhob, um zu applaudieren. Aber das ist egal.

    Das war so schön. Schön.

    Danke.

  2. 2 Avakian

    Hattet Ihr damals auch alle das selbe an in der Sportstunde der Polytechnischen Oberschule. Also bei uns waren die Leibchen so eine Art grün und die kurzen Hosen Blau.

    Übrigens hatte ich das bis ebend verdrängt. Wieder Arbeit für meinen Psychiater.

  3. 3 Hirngabel

    Schöner Artikel. Aber verdammt nochmal: Es heisst “Asche”, nicht “Schotter“.

  4. 4 nolookpass

    Na ja. Habe ‘ne Weile gegoogelt, es scheint da wohl auch regionale Unterschiede zu geben. Ascheplatz ist mir natürlich auch ein Begriff, aber aufgrund der eher grobkörnigen – natürlich nicht so grob wie in deinem Link – Steinchen aus meiner Erinnerung beharre ich stur auf einem Schotterplatz.

  5. 5 Spielmacher

    Bei mir hieß das auch Schotter. Und zwar zurecht.

  6. 6 Tobias

    Ja – da kommen Erinnerungen hoch. Auch an die vielen Blutgrätschen im Fernsehen, bei denen man dachte: “Lass den das _einmal_ auf einem Ascheplatz(!) machen.”

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