“Fußball ist Dir viel wichtiger als Zeit mit mir zu verbringen!”
“Aber ich habe doch die ganze EM hier in Deinem Zimmer geguckt.”
“Das nennst Du ‘Zeit mit mir verbringen’?”
“Ja, was ist denn da das Problem?”
” Du liebst Fußball mehr als mich!”
“Natürlich nicht!”
“Dann beweis es!”
“Und wie?”
Diese letzte Frage bereue ich bis heute. Aber man muss mir zugute halten, dass sie meine allererste Freundin war.
Es ist der 30. Juni 1996. Fünf Minuten zuvor war ich gut gelaunt und voller Vorfreude aufgewacht, denn schon in knapp acht Stunden sollte das Finale angepfiffen werden. Fünf Minuten zuvor wusste ich noch nicht, dass ich den Anpfiff niemals hören würde.
“Und wie?”
Hätte ich das nur nie gefragt.
Ich war verliebt und glaubte, dass sie nicht nur meine erste, sondern auch meine letzte Freundin sein würde. Irgendwann würden wir bestimmt heiraten. Ich hätte wissen müssen, dass Frauen, die “Du liebst Fußball mehr als mich!” sagen, keine Frauen für die Ewigkeit sind. Besonders, wenn diese Frauen noch gar keine Frauen sind sondern 16jährige Mädchen. Und man selbst ein 16jähriger Junge.
“Und wie?”
Wäre doch nur mein bester Freund dagewesen, der mir nach diesen Worten ins Gesicht schlägt und mich aus der Wohnung zerrt. Der mir mit ernstem Blick auf dem Weg zur Straßenbahn erklärt, dass man sowas nie, nie, nie sagt. Und schon gar nicht so meint.
“Und wie?”
“Ich möchte, dass wir heute den ganzen Tag lang etwas zusammen unternehmen. Und heute abend auch.”
Was ich dann tat, ist mir bis heute unbegreiflich. Ich fing nicht etwa an, lauthals zu lachen. Nein. Ich begann auch nicht damit, vorsichtige Verhandlungen in Gang zu setzen und sicherzustellen, dass ich Punkt 20 Uhr vor dem Fernseher sitzen könnte. Nein, ich sagte etwas, für das mich bis ans Ende aller Tage die gesamte Männerschaft mit Verachtung bestrafen wird.
“Ok.”
Während Dieter Eilts, Thomas Strunz und Stefan Kuntz gerade ihr kohlehydrathaltiges Mittagessen zu sich nahmen und sich kurz darauf zur Bettruhe verabschiedeten, schlenderte ich gedankenversunken in einem kleinen Park in Berlin Pankow herum, hielt ihre Hand und redete mir selbst ein: “Ist doch kein Problem, dann nimmst Du das Spiel eben auf und guckst es heute nacht. Wie schwer kann es sein, nach Hause zu kommen ohne das Ergebnis zu erfahren?”
Sie erzählte mir, was sie gern heute noch alles unternehmen würde und beendete ihren Monolog mit den Worten: “Und heute Abend gehen wir ins Blub!”
Der Nachmittag verging und gegen frühen Abend machten wir uns auf den Weg zu mir, wo ich meine Badesachen holte und den Videorekorder programmierte. Ich streichelte ihn sanft und bat ihn, nicht wieder nur Schnee aufzunehmen wie beim letzten Mal, als ich die letzte Folge Knight Rider gucken wollte.
Das “Blub” befand sich in Neukölln. Um dorthin zu kommen, mussten wir also nicht nur den Prenzlauer Berg verlassen, sondern auch den Osten. Man, was muss ich verliebt gewesen sein.
Gegen halb acht kamen wir am Schwimmbad an. “Blub” – es hieß genauso wie das Geräusch, das mein leerer Kopf gemacht haben muss. Dass da drin ein Gehirn wäre, schien angesichts des Ortes, an dem ich mich eine halbe Stunde vor Anpfiff des wichtigsten Fußballspiels der letzten zwei Jahre befand, eher unwahrscheinlich.
Keine Warteschlange an der Kasse, keine Menschen in der Umkleide, absolute Stille. Noch nie in meinem Leben habe ich im Hochsommer so ein leeres Schwimmbad gesehen. Wir teilten uns die Halle mit fünf rüstigen Rentnerinnen, die permanent im Whirlpool saßen. Für uns blieben also sechs Schwimmbecken, eine Wasserrutsche und eine Sauna. Ich genoss den Abend ungefähr so sehr wie einen Romméabend mit Jurastudenten.
Als Patrick Berger das 1:0 für Tschechien erzielte, lag ich wahrscheinlich gerade auf einer Ruheliege und dachte darüber nach, dass Singlesein an entscheidenden Stellen doch einige Vorteile hat.
Kurz nach 22 Uhr verließen wir die Halle und machten uns auf den Heimweg, auf dem ich versuchte, möglichst nur auf meine Schuhe zu gucken und mir allein durch Autosuggestion die Ohren zuzuhalten. Als die U-Bahn, die uns zurück in den Osten bringen sollte, in den Bahnhof einfuhr und sich die Türen öffneten, riefen sie mir freude- und biertrunkene Westberliner entgegen: “Deutschland, Deutschland”.
Das Spiel habe ich mir in der Nacht nur noch im Schnelldurchlauf angesehen. Den Elfmeter zum 1:0, den Ausgleich durch Bierhoff, den Abpfiff nach 90 Minuten. Nur die Verlängerung, die gerade mal viereinhalb Minuten lang dauern sollte, schaute ich komplett. Freude verspürte ich keine als Bela Réthy in der 95. Minute kommentierte: “Das Mittelfeld wird ignoriert, lange Bälle nach vorne. Klinsmann. Bierhoff, ganz nah bei ihm Kadlec. Bierhoff! Kann sich durchsetzen! Kouba! Und – - – Deutschland ist Europameister!”
Das einzige, was mir in dieser Nacht an Genugtuung blieb, war Bela Réthy kurz nach dem Golden Goal zuzurufen: “Das war nicht Kadlec, Du Pfeife!”
Bei der WM 98 waren meine erste Freundin und ich schon lange kein Paar mehr.
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Frauen.
Männer. Frauen wollen in solchen Momenten Widerstand! Kämpft für Eure Liebe zum Fußball! Gebt uns die Illusion, daß Ihr auch für uns so kämpfen würdet!
Es gibt auch Kerle, die sagen “Du liebst den HSV mehr als mich! – ich pflege in solchen Fällen mit “Stimmt.” zu antworten.
Der Artikel muntert mich ein wenig auf, da ich Werders Rückrundenauftakt morgen gegen Frankfurt wohl verpassen werde. Und das tatsächlich, um etwas mit meiner Freundin zu machen (nicht meine erste, nebenbei bemerkt). Das Spiel mag nicht mit einem EM-Finale vergleichbar sein, aber hat nicht ein großer Philosoph einst gesagt, dass das nächste Spiel immer das wichtigste sei?
Es fällt mir aber schwer, meiner Freundin das übel zu nehmen. Beim Hinspiel waren wir zusammen im Stadion. Mit ihren Dauerkarten.
Fantastisch!
Ich habe das Spiel damals mit meiner ersten Freundin gesehen (bzw. sie war da noch nicht meine Freundin). Und als Oliver Bierhoff dann das 2:1 geschossen hat, bin ich ihr spontan um den Hals gefallen und kurz danach war sie dann meine Freundin (meine Güte, das war schon ziemlich einfach damals). Gehalten hat es trotzdem nicht lange, wobei man ja schon sagen muss, dass es irgendwie nicht so ein gutes Omen ist, dass Oliver “Golden Goal” Bierhoff uns zusammen gebracht hat, oder?
Und 98 hat es sich noch nicht mal gelohnt, Single zu sein…
Du armer. Ich hoffe die Schmerzen vergehen irgendwann.
Ich kann mich noch erinnern, dass ich das legendäre Halbfinale von 1996 gegen England damals auch nicht komplett gesehen habe. Der Grund war aber nicht eine Frau (Ich war damals elf Jahre alt…), sondern noch wesentlich profaner: Ich habe es vor Spannung nicht vor dem Fernseher ausgehalten. Noch heute bereue ich zutiefst, dass ich mich damals nach Abpfiff der 90 Minuten und VOR Beginn der Verlängerung mit den Worten “Ich muss jetzt ins Bett!” aus dem Wohnzimmer verabschiedet habe, in dem ich gemeinsam mit meinen Eltern das Spiel verfolgte. Nur, um dann zwanzig Minuten später vom lauten Gebrüll meines Vaters “geweckt” zu werden (als ob ich hätte schlafen können…), der freudetrunken durch die Wohnung sprang und den Einzug ins Finale bejubelte. Bis zu dem Moment, in dem Deutschland endlich wieder einen großen internationalen Titel gewinnt, werde ich mich nicht mehr von dieser Schmach erholen. Ich befürchte aber, dass der Fußballgott mich ein Leben lang abstraft und ich somit noch auf dem Sterbebett den verpassten Abend von Wembley bereuen werde.
Keine Frau der Welt, die Dich liebt, würde von Dir verlangen, dass Du auf ein solches Spiel verzichtest.
Eine wunderbare Geschichte, da kann man ja nur mitfühlen.
Du musstest Dich immerhin nicht darüber aufregen, dass Vogts Bierhoff für Scholl brachte und letztlich auch noch recht behielt. Um dieser Einsicht zu entgehen, wäre ich gerne ins Blub gegangen.
Da habe ich wohl ein wenig übertrieben.
Sehr schöner Text.
Der letzten 6 Jahre, nicht 2 Jahre.
männer. pffff!
Sehr schön! Aber ich meine, Du hast doch wirklich nichts verpasst, nur Rumpelfußball mit Börti, Dieter Eilts und Steffen Freund.
Mal ganz indiskret: Wie sieht das partnermäßig bei Dir im Juni/Juli 2010 aus? Schon mal Gedanken darüber gemacht?
frauen. pffff!
@jw: Ich bin gerade dabei, mich partnermäßig neu zu orientieren und suche ein weibliches Gegenstück, das bereit ist, zwischen dem 11. Juni und 11. Juli eine Beziehungspause einzulegen.
Großartig, wie naiv war man damals noch… darauf würdest du dich heute nicht mehr einlassen
Jetzt wissen wir also endlich, woran es liegt, dass wir seit ‘96 keinen Titel mehr geholt haben. Spielmacher, ist ja jetzt wohl klar was das am Finaltag diesen Sommer bedeutet: Schwimmen gehen!
Alles für den Erfolg?! Seid Ihr Euch da sicher? Ich weiss ja nicht…
Bin irgendwie ganz aufgewühlt und voller Mitleid, weil ich mir die ganze Zeit vorgestellt habe, ich hätte so etwas durchmachen müssen.:D
Nicht ganz so schlimm, aber auch irgendwie hart: Die Freundin ist im Stadion, obwohl sie das alles gar nicht so sehr bewegt, während man selbst am Arsch der Welt hockt und sein Schicksal ganz in die Hände von Sabine Töpperwien legt.
Ich habe gerade wirklich Tränen gelacht. Wunderbarer Text! Danke, Sie haben mir den Abend gerettet!
dit blubb…gibts das noch?
ansonsten schöner text…und ich freu mich grad umsomehr das meine freundin (nicht die erste) das so handhabt:
öhhh gehst andauernd ins stadion…na dann koof ick ma halt ne dauerkarte…und nu isse soweit das sie jedes “grössere” deutsche fussballstadion von innen sehn will…ach hab ick ein glück
Dit Blub jibbet nich mehr. Stattdessen offenbar die Saunawelt Al-Andalus. Mit Eisbrunnen! Toll.
Etwas später Nachtrag: Ich hab das CL-inale 97 verpasst. Wegen einer Frau. Und ja, ich bin Dortmund-Fan.
Die Freundin war echt unbarmherzig, das muss man sagen.
). Heute sehe ich das anders. Da ist mir der Fußball echt egal. Ich zocke lieber PES…da kann man wenigstens selbst für ein ordentliches Spiel sorgen
Ich hab mich ehrlich gesagt die letzten Jahre (also wohl so seit nach eben dieser WM ‘96) total über den schlechten Fußball geärgert. Da hat sich das Fußball gucken absolut nicht gelohnt (und war wahrscheinlich noch ungesund obendrein wegen dem Aufregen über die unfähigen Fußballer).
Die WM dieses Jahr war mir eigentlich echt egal…’96 war ich wahrscheinlich der gleichen Meinung wie du (dafür nur halb so alt