Das Ur-Phantomtor

Niemals davor oder danach habe ich derart gespannt auf die abendliche Zusammenfassung der Fußball-Bundesliga gewartet wie an jenem 23. April 1994.

Wir kamen von einem Auswärtsspiel, hatten gut gespielt und verloren. Außerdem wussten wir damals noch nicht, dass die übliche Angabe des Kofferrauminhaltes von Fahrzeugen in Getränkekasten nur als Maßstab für dessen Volumen dient, die Mitführung und Leerung der Kästen während der Fahrt aber mitnichten eine Pflicht für ordnungsbewusste Insassen ist. Die Stimmung war dementsprechend prächtig, die Bundesliga-Konferenz liess die Rückspiegel erzittern, Bayern-Fans und -Hasser schunkelten einträchtig miteinander.

Bis kurz vor vier.

In der 24/5/6. (je nach Quelle) Minute des Spiels der Bayern gegen Nürnberg schoss Thomas Helmer den Ball nach einem Eckstoß neben das Club-Tor. Linienrichter (welch altmodischer Ausdruck) Jörg Jablonski hatte an diesem Morgen den beruhigenden Ausspruch seiner Frau Trink lässig! aufgrund Duschwassers in den Ohren mit Trink Essig! vertauscht und, na ja, war deshalb schon ein wenig sinnesbetrübt. Außerdem hatte er sich in eine hübsche Bayern-Afficionada im Unterrang verliebt, die andauernd mit BHs um sich schmiss. Also: Tor für Bayern.

Was dann geschah: Nürnberg verschoss kurz vor Schluss noch einen Elfmeter und verlor 1:2. Bei einem 2:2 hätte es kein Protest gegeben. Nürnberg protestierte. Nürnberg verlor das Nachholspiel noch sehr viel höher. Unter der Annahme, dass alle weiteren Spiele mit dem selben Ergebnis beendet worden wären, wäre der FC Bayern ohne den Nürnberger Protest nicht Meister geworden und Nürnberg wegen der Tordifferenz nicht abgestiegen. Schiri Osmers wurde hernach zum gefragten Gesprächspartner:

Er wurde live zu den “Tagesthemen” zugeschaltet, Starmoderatoren wie Sabine Christiansen und Ruprecht Eser rissen sich um ihn. Die Meldung, dass das Spiel wiederholt werden würde, kam im “Heute-Journal’ zuerst, dann ein Flugzeugabsturz in Japan mit 230 Toten.

Jablonski, heute Schiedsrichter-Obmann im Kreis Bremen-Nord, dagegen leitete nur noch einige Regionalligaspiele und resignierte nach zwei Jahren.

Zweite englische Liga, pah!

(Größtenteils geklaut von hier. Aber ich darf das.)

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1 Response to “Das Ur-Phantomtor”


  1. 1 Der Thomas Helmer von Watford

    Beides Traumtore wenn man mich fragt.

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