Die linguistische Empfindlichkeit von Theo Zwanziger

Nationalsozialismus ist ein schleichendes Gift. Nationalsozialisten kommen häufig, wie es Dietrich Bonhoeffer formuliert hat, in der Maske des Guten. Das Ende ist Schrecken, Mord und Totschlag.

Theo Zwanziger für Netz gegen Nazis

Wer mein Engagement gegen Rechtextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung verfolgt, der wird dafür Verständnis haben.

Theo Zwanziger in der Welt am Sonntag

Ich bin 1945 geboren und habe meinen Vater im Krieg verloren. Wenn man eine solche Vita hat und außerdem, wie ich, in Yad Vashem war, denkt man anders über die Dinge nach. Ich bitte um Verständnis, dass meine Empfindlichkeit, was die Nazi-Zeit angeht, größer ist, als das vielleicht bei andern Leuten oder Jüngeren der Fall ist. Beim Stichwort „Demagoge“ denke ich an Goebbels.

Ich bin kein Prozesshansel, ich kann Kritik einstecken.

Theo Zwanziger im Interview mit dem Direkten Freistoß

Vor 70 Jahren: Beginn des Zweiten Weltkrieges
Vor 60 Jahren: Gründung der Bundesrepublik Deutschland
Vor 20 Jahren: Fall der Berliner Mauer
Heute: Gerichtsprozess, der auch auf einer linguistischen Empfindlichkeit fußt, die offenbar größer war als die Fähigkeit, nicht gleich juristisch auf derbe Kritik zu reagieren.

Die offenbar unterschiedliche Empfindlichkeit hinsichtlich Ausdrücken und Redewendungen, die unter anderm auch mit dem Tabellenkeller der deutschen Geschichte zusammenhängen und zu tun haben, ist ein interessanter Nebenaspekt des aktuellen DFB-Desasters.

Hypothetisch gefragt: Hätte ein Sportjournalist vor 10, 20 oder 30 Jahren in einer (tja, was könnte ein zeitgenössisches Äquivalent zu Weblog sein?) sagen wir Kolumne einer größeren Verbandszeitschrift den DFB-Präsidenten harsch kritisieren wollen – hätte er schon damals einen in Deutschland nicht gänzlich unbelasteten Begriff wie “Demagoge” verwendet? Oder hätte er stattdessen eine nicht weniger derbe, aber politisch harmlose Formulierung gewählt?

Hypothetisch gefragt: Hätte ein 1965 geborener DFB-Präsident sich von der kritischen Bezeichnung als “unglaublicher Demagoge” derart angepikst gefühlt, dass er nicht zögert, den juristischen Schaufelraddampfer anzuschmeißen? Oder hätte er dreimal geschluckt, drüber geschlafen, nochmal geschluckt, eventuell zurückgepöbelt und schließlich den frechen Journalisten derart impertinent mit Freundlichkeiten aller Art eingedeckt, auf dass der niemals wieder Schlechtes über ihn schröbe?

Diesmal in echt gefragt und mal abgesehen von der vordergründigen und hinsichtlich Meinungsfreiheit auch viel wichtigeren juristischen Komponente: Ist der Kampf, den Jens Weinreich zur Stunde führt, unbewusst und zu einem geringen Anteil auch ein Kampf um die Unschuldigkeit eines Wortes? Werden, so Weinreich denn obsiegt, künftig noch mehr Demagogen in der Medienlandschaft auftauchen, ohne dass es irgendwas mit Goebbels zu tun hat?

Jemanden einen Demagogen zu nennen, ist nichts Banales, keine Kleinigkeit. Und heißt jemand plötzlich “unglaublicher Demagoge”, sollte eine gute Begründung nicht weit sein. Jens Weinreich hat seine Kritik begründet; natürlich – nicht viele dürften derart viel Erfahrung mit auf fundiertem Wissen basierender Meinungsäußerung im deutschen Sportjournalismus gesammelt haben. Und es ging bei Weinreichs Kommentar um Sportpolitik im 21. Jahrhundert, um nichts anderes.

Maske des Guten hin, Yad Vashem her; und Empfindlichkeit gegenüber Sprache ist ganz was Feines – aber das Zwanzigeresche Pochen auf Verständnis kann in diesem Fall nur abgelehnt werden. Und geht es um Sprache und Nationalsozialismus, darf abschließend LTI von Victor Klemperer nicht fehlen:

Klemperer vertrat darin die These, dass es weniger einzelne Reden, Flugblätter, Wörter oder ähnliches waren, die den größten Eindruck in der Bevölkerung hinterließen, sondern vielmehr die stereotypen Wiederholungen des ganzen Wortschwalls. Sie führten zu einer ständigen Beeinflussung im Sinne einer Suggestion.

Nach so vielen Fragen nur noch eine letzte, die ich dann auch gleich mal beantworte: Darf ein Text über diesen Fall ohne Spendenaufruf auskommen?

Nein.

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2 Response to “Die linguistische Empfindlichkeit von Theo Zwanziger”


  1. 1 Oliver Fritsch

    Ich finde es ohnehin erstaunlich, dass man Yad Vashem besucht haben muss, um einen distanzierten Blick auf unsere Geschichte zu gewinnen.

  1. 1 Eine gute Anlagemöglichkeit in der Finanzkrise - Niveau ist keine Creme

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