Weil ich neulich schon einen ähnlichen Bericht las, weil die 11 Freunde morgen damit aufmachen, und weil der zehnte Jahrestag in den kommenden Wochen noch intensiver behandelt werden wird als jüngst die Hillsborough-Katastrophe und ich dann keine Lust mehr hätte, darüber noch irgendetwas zu schreiben – deshalb also das hier.
Aus lauter Seelenluftigkeit war ich mal wieder in die falsche S-Bahn gestiegen und fuhr nun Richtung Pankow statt zur Schönhauser Allee. Von dort hatte ein Freund gerufen zum Champions-League-Endspiel, und ich wollte kommen. Saß aber zum verabredeten Zeitpunkt noch zwischen Wittenau und Bornholmer Straße im schlechtestgelüfteten Abteil der S2.
Kurz vor der Tagesschau stand ich dann im einer geräumigen Zweieinhalbraum-Unsaniertheit. Doch darin hatte sich jemand ordentlich ins Zeug gelegt und einen damals noch exotischen Video-Beamer installiert, der eine 2×1 Meter große Pixelmasse an die Wand warf. Als ich kam, lief gerade das Warm-up auf DSF, Werbung und Michael-Henke-Interviews wurden in Abwechslung und Schleife abgespielt.
Das Spiel des Jahres.
Sonst misstrauisch gegenüber Superlativen, da sie oft mehr versprechen, als sie halten können, war ich fest überzeugt, an diesem Abend die beiden besten Fußballmannschaften Europas zu sehen. Bayern und Manchester United hatten noch die Chance, erstmalig das Triple zu schaffen, Meister, nationaler und internationaler Pokalsieger zu werden. United verwies am letzten Spieltag der Premier League Dauerkonkurrent Arsenal London auf Platz zwei und ließ im FA-Cupfinale Newcastle United (mit Ex-Bayer Didi Hamann) mit 2:0 abblitzen.
Die Rolle Bayerns in der Bundesliga-Saison 98/99 zu beschreiben, fällt relativ leicht. Es gibt dafür eine Menge passender Adjektive und Substantive: überragend, überlegen, Krösus, Champion, uneinholbar, eine andere Klasse, „Rotationsmeister“, souverän, kompakte Einheit, rekordverdächtig. Sieben oder acht Spieltage vor Saisonschluss stand fest, daß Bayern Meister wird und in der Liga nur durch ausgeprägte Dummheit oder höhere Gewalt aufzuhalten wäre.
Ottmar Hitzfeld hatte das Rotationsprinzip auch in Deutschland eingeführt, ließ Spieler wie Effenberg, Basler oder Matthäus immer mal wieder auf der Bank, um ihnen nach aufreibenden Spielen Ruhe zu gönnen, den Ersatzspielern Spielzeit zu geben und allgemein die mannschaftliche Harmonie aufrechtzuerhalten. Was ihm eindrucksvoll gelungen war: Beim Finale alle Spieler wie Flasche voll.
Das Publikum, auf Sofa und Boden verteilt, kann als durchaus heterogen bezeichnet werden: Der Gastgeber, der sich ums Bier kümmerte und ansonsten eher neutral war, ein fairer, auch allgemeinsportinteressierter Fußballer aus Karlsruhe, ein Ur-Berliner und Bayern-eher-Hasser, ein zugezogener Bayern-Totalhasser mit BFC-Jacke. Und noch jemand aus Essen, der Schalke-Fan, dafür aber relativ unparteiisch und vor allem so nett war, mich nach dem Spiel ins Wohnheim mitzunehmen.
Und zu guter Letzt ein Mann namens Mario, der, wie mir seine ebenfalls anwesende Freundin im Eifer des Gefechts später etwas entschuldigend zu verstehen gab, seit seiner frühesten Kindheit glühender Bayern-Fan gewesen ist. Er machte seine quantitative Unterlegenheit schon eine halbe Stunde vor Anpfiff durch bierselige und stadionkompatibel dröhnende „Wir holen den Cup“-Gesänge mehr als wett. Ich saß gemütlich auf einem aufblasbaren Luft-Sessel und freute mich einfach auf das Spiel.
Eindeutig ein Torwartfehler. Wir diskutierten zwar, aber für mich war Peter Schmeichel schuld am 1:0. Noch am Gewöhnen an das bei schnellen Kameraschwenks verwischte Bild an der Wand, hämmerte Basler einen Freistoß aus 16 Metern Entfernung von halblinks in die rechte untere Torecke. Schmeichel hatte in seinem letzten Spiel für Manchester wohl auf einen Heber in die linke Dreiangel spekuliert, denn er stand auf dem falschen Fuß wie angewurzelt in der Mitte seines Tores, als der Ball an ihm vorbeirauschte.
Allmählich erkannte ich, daß Mario nicht nur Bayernfan war, sondern echter Bayernfan. Er fieberte. Konnte den Anpfiff gar nicht erwarten, bescherte uns 10 Minuten „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“, um ja nicht den Beginn der letzten Champions-League-Übertragung auf RTL zu verpassen, schrie jedes Gespräch nieder, wenn Hitzfeld, Hoeneß oder Beckenbauer ihre lauen Statements lieferten. Äußerlich am ehesten mit Jancker zu vergleichen (bullige Figur, kaum Haare, wenn, dann eher blond), machte Mario keinen Hehl aus seiner Obsession. Seinem Urschrei nach dem 1:0 verdankten wir auch die Bekanntschaft mit einem weiteren WG-Bewohner, einem dem Schönen Spiel eher fernen Jurastudenten, der sich den allerungünstigsten Zeitpunkt für seine Paukerei gewählt hatte und verstört nach der Urschreiursache forschte.
Auch ManU-Trainer Alex Ferguson hatte sich einen sehr schlechten Zeitpunkt ausgewählt. Gerade in diesem Finale eine bewährte Taktik so riskant umzustellen, erfordert viel Mut und Glauben. Durch das Fehlen der gelbgesperrten Keane und Scholes klaffte im zentralen Mittelfeld eine Riesenlücke, die Ferguson stopfen wollte, indem er Beckham flugs als alleinigen Aufbauspieler einsetzte und den verdutzten Dribbelkönig Ryan Giggs auf die „falsche“, nämlich die rechte Außenbahn beorderte. Taktik hin und her – nach sechs Minuten war alles für die Katz und United in Zugzwang geraten.
Und die ManU-Kicker sich nicht sehr wohl zu fühlen in der Rolle des Spielgestalters. Der überragende Beckham rannte und passte und flankte, Giggs dribbelte fleißig und musste sich vor jeder Flanke den Ball erst auf links legen, das kongeniale Angriffsduo Dwight Yorke und Andy Cole wurden von Linke und Kuffour neutralisiert. So ergab sich die größte Chance für Manchester in der ersten Halbzeit aus einem knapp am Tor vorbeizischenden Effe-Cole-Pressschlag.
Unser Bayern-Mario war bester Laune, die anderen inzwischen auch, denn der Gastgeber fuhr starke Geschütze auf und präsentierte ein Faß Bier, das bisher noch in der Badewanne gekühlt worden war. Salzstangen und Chips – allesamt weggeknabbert. Der Karlsruher erzählte eine Anekdote von sich unmöglich aufführenden KSC-Spielern, die er mal in einer Disko getroffen hatte. Ich rauchte eine Halbzeit-Zigarette und fläzte mich entspannt in den Luftsessel.
Als ich da so saß, dachte ich plötzlich an das Halbfinale Manchester gegen Juventus, in dem ManU im zweiten Spiel schon nach zehn Minuten 0:2 zurücklag, praktisch ausgeschieden war, und am Ende 3:2 gewann.
Viel interessanter als das immer noch unansehnliche Bemühen von Manchester war für mich zu Beginn der zweiten Halbzeit die Erkenntnis, dass Mario intensiv dem Klischee eines fanatischen Fußballfans nachjagte: Besoffen, siegessicher (bei einem 1:0), laut, sangesfreudig, realitätsfern. Denn Bayern beherrschte (wie er meinte) keineswegs das Spiel, sondern – und das war gar nicht sehr viel einfacher – verteidigte sein Vorsprüngchen mit allen Regeln der Kunst.
Nur schien Hitzfelds Mannschaft bald zu bemerken, dass dies womöglich nicht ausreichen könnte. Basler schoss frech aus 40 Metern (64.), was dann sowas wie ein Startschuss war für eine denkwürdige halbe Stunde. Cole versuchte sich an einem Fallrückzieher (69.), eine Viertelstunde später zeigte Jancker einen ebensolchen noch viel schöner und fast auch erfolgreicher – die Latte rettete für Schmeichel. Seine einzige Szene im gesamten Spiel hatte Effenberg in der 73. Minute, als sein Heber nur von Schmeichels Fingerspitzen noch auf dem Weg zum 2:0 gehindert wurde. Auch der mittlerweile eingewechselte Scholl scheiterte zunächst mit einem Lob am Aluminium (80.), dann mit einem strammen Schuss an Schmeichel.
Spätestens in dieser 83. Minute hatte ich mich mit mir darauf geeinigt, München diesen Titel zu gönnen, abersowasvon. Die Roten hatten eine rekordverdächtige Saison gespielt, die Bundesliga dominiert und dabei, was den Unterhaltungswert betrifft, gehörig gegen ihr Image angespielt. Bayern war eine Mannschaft geworden, was nicht zuletzt ein Verdienst von Ottmar Hitzfeld gewesen ist. Das Finale war nicht grandios, aber durch die letzten 20 Minuten hatten sie es verdient, Ober-Meister zu werden.
Wie das so üblich ist, mobilisierte Manchester in der Schlußphase noch einmal alle Kräfte, für Yorke und Cole kamen Sheringham und Solskjaer. Doch deren Schüsse und Kopfbälle – eher harmlos. So konnte es sich Matthäus nach einem rüden Foul von David Beckham erlauben, zehn Minuten vor Schluß gegen Fink ausgewechselt zu werden. Basler ging in der 89. Minute, und mit ihm der Sieg. Er schoss das 1:0, gab das Signal für eine Art Schlußoffensive und war nun zur allergrausamsten Handlungsunfähigkeit verurteilt.
Ich traute mich gar nicht, richtig zu schreien, als Sheringham nach einem Beckham-Eckball und anschließendem Fink-Querschläger zum Ausgleich traf. Meine erste Reaktion war nämlich der Blick zu Mario, und was ich dort sah, hätte jeden noch so hartherzigen Menschen halbwegs erstummen lassen. Auch hatte ich ein wenig Angst bekommen, als er, trotz einiger Biere leichenblass, an mir vorbeistampfte und hinter sich die Tür knallen ließ, wie ein kleines trotziges Kind, dem die Argumente ausgegangen waren.
Nun konnte ich mich auch ein wenig freuen, über eine spannende Verlängerung, die uns vielleicht für das mäßige Spiel entschädigen würde. Alle plapperten wir aufgeregt durcheinander, Mario war auch wieder da, und zusammen sahen wir einen Samuel Kuffour, der zusammen mit Linke eines der weltweit gefährlichsten Stürmerduos ausgeschaltet hatte und nun wie ein Häufchen Elend am Boden kniete, von Weinkrämpfen geschüttelt. Armer Kerl. Ich hoffte, er würde die Verlängerung noch mitmachen können.
Dass er es nicht konnte, lag allein an den Bayern selbst. So ein Ausgleich ist ärgerlich und dumm und Pech und schade. Kann aber passieren und ist reparabel. In 30 Minuten Verlängerung (damals noch mit golden-goal-Regel) und möglicherweise einem Elfmeterschießen. Ein Bayern München in dieser Besetzung musste einfach in der Lage sein, einen Spielstand zwei Minuten lang zu halten.
Auch nach so einem Schock. Augen zu und durch!
Aber nein, es wird geheult, es wird geschimpft, die Spieler sind nur noch physisch vorhanden. Sie kullern den Ball ungenau zurück, fangen sich die nächste Ecke ein. Natürlich schießt Beckham wieder, diesmal findet seine Flanke in „Teddy“ Sheringham einen dankbaren Abnehmer, der Ball prallt auf den zufällig dort herumlungernden Fuß von Solskjaer und dann unter die Latte ins Tor. 2:1. Nach dem Wiederanpfiff scheuchen die Bayern sich und den Ball noch ein paar Sekunden lang wie Hühner über den Platz, dann ist Schluss.
Obwohl die Wand eigentlich nichts dafür kann, bekommt sie den Bayern-Schal von Mario zu spüren, der einfach verstummt und bis zu meinem Abschied außer seinem Fan-Utensil nichts mehr von sich gibt. Ich empfand damals tiefes Mitleid, solch eine Unmöglichkeit hatten er und seine Bayern einfach nicht verdient. Wäre wir anderen nicht so unbeteiligt gewesen (wir waren sehr berührt, zwar, aber richtig beteiligt, richtig tief drin in diesem Fanschlamassel, das waren wir nicht), hätte Mario wohl so hemmungslos geweint, wie die mitgereisten Fans in Barcelona und die auf dem Rasen verteilten Leidtragenden dieser Tragödie.
Schade, also doch keine Verlängerung. Dafür hatte ich die Gewissheit, ein Fußballspiel gesehen zu haben, das zur Legende wurde. Für Mario und für mich und für alle Fußballmenschen.
———
Und ihr so?

foto:edwin.11
Was zusammenbrach, waren die deutschen Arbeitsnormen, die von den Münchner Spielern offenbar so weit verinnerlicht worden sind, daß es sich beim Fußball um Sport und nicht um Arbeit handelt, um Leidenschaft, Kampf und Gefahr, nicht um Pflicht und die gewissenhafte Ablieferung von Qualitätsware zum Termin.
(Berliner Zeitung)
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